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Gespräch mit Dr. Frank Esser, Professor für international vergleichende Medienforschung an der Universität Zürich
Überhitzungsprozess im Mediensystem
KM: Herr Professor Esser, Sie weisen darauf hin, dass die Fukushima-Berichterstattung sehr rasch zu einer Berichterstattung über die deutsche Energiepolitik und die nationalen AKWs wurde. Wie lässt sich das erklären?
Da kann ich nur spekulieren. Vermutlich sind dabei zwei Dinge zusammengekommen: Zum einen die enorme Nachfrage nach Nachrichten angesichts weniger und zumeist vager Informationen aus Japan, also ein starkes Orientierungsbedürfnis bei gleichzeitiger Abhängigkeit von Medieninformationen. Zum anderen eine offene Flanke in der deutschen Energiepolitik – der Laufzeitverlängerungsbeschluss der Bundesregierung – der in der Bevölkerung keine Mehrheit gefunden hat. Dieses Thema befand sich auf der „pre-problem stage“ und hatte bis zum „trigger event“, dem Reaktorunfall in Fukushima, noch keine öffentliche Aufmerksamkeit erreicht.
KM: Sehen Sie außer einer offenbar selbstauferlegten Zurückhaltung mit Blick auf die Landtagswahlkämpfe noch andere Gründe dafür, dass sich die Befürworter einer Laufzeitverlängerung mit ihrer Deutung von Fukushima nicht durchsetzen konnten?
Eigentlich nicht – obwohl man natürlich berücksichtigen muss, dass es nicht gerade einfach ist, angesichts der Schreckensbilder aus Fukushima für die Laufzeitverlängerung zu argumentieren. Aber in der Defensive befanden sich die Kernenergiebefürworter in Deutschland schließlich nicht zum ersten Mal, insofern hat mich das schon überrascht.
KM: Kann der Moratoriumsbeschluss der Bundesregierung zumindest zum Teil als Folge des beschriebenen Überhitzungsprozesses im Mediensystem und damit als „emotionale Medienwirkung“ betrachtet werden?
Wenn die Medienberichterstattung als Indikator für die Stimmung in der Bevölkerung genommen wird, wäre es zumindest theoretisch denkbar, dass ansonsten nüchterne, rationale politische Entscheidungen der Bundesregierung davon nicht völlig unbeeinflusst bleiben, insbesondere vor zwei wichtigen Landtagswahlen.
KM: Können Sie sich vorstellen, dass die Fukushima-Berichterstattung in den deutschen Medien einen anderen Verlauf genommen hätte, wenn die Bundesregierung bei der Laufzeitverlängerung weiter Kurs gehalten hätte?
Die Frage ist doch in erster Linie eine politische, nämlich die, ob das Moratorium der energiepolitischen Position der Bundesregierung genutzt oder geschadet hat. Was die Medienberichterstattung betrifft, wurde das Moratorium – trotz anfänglicher Zweifel von Seiten der Opposition an der Ernsthaftigkeit des Moratoriums – schnell zum Beleg für die Position der Laufzeitverlängerungsgegner. Den Überhitzungsprozess im Mediensystem hat das zunächst nicht abgekühlt, aber vielleicht wurde damit verhindert, dass dem Thema noch mehr Gewicht beigemessen wird, und dass es sich grundsätzlich gegen die Bundesregierung wendet – auch das ist wieder reine Spekulation.
Die Gespräch führte Thomas Hartmann
Kasten
Professor Dr. Frank Esser leitet seit 2006 die Abteilung für international vergleichende Medienforschung am IPMZ – Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich.